Schutz vor steigenden Strompreisen: Was 2027 wirklich hilft
Den Anbieter wechseln können Schweizer Haushalte nicht. Verhandeln auch nicht. 2027 sinkt der Medianpreis zwar um 4 Prozent, doch über 260 Gemeinden erhöhen trotzdem, weil bei ihnen das Netz stärker steigt als die Energie fällt. Es bleiben fünf Hebel, und sie wirken sehr unterschiedlich stark. Einer davon kostet gar nichts, ein anderer ist der einzige, der auch die Netzkosten selbst senkt.
Wie schütze ich mich vor zukünftigen Strompreiserhöhungen?
Ein Anbieterwechsel ist für Haushalte in der Schweiz nicht möglich, der freie Markt beginnt erst bei 100'000 kWh Jahresverbrauch. 2027 sinkt der Schweizer Medianpreis laut ElCom um 4 Prozent auf 26.5 Rappen je Kilowattstunde, weil die Energie um rund 6 Prozent billiger wird. Die Netznutzung steigt gleichzeitig um rund 2 Prozent, und in über 260 Gemeinden überwiegt das, sodass die Rechnung dort trotz sinkendem Landestrend steigt. Wirksam sind fünf Hebel, in dieser Reihenfolge: Verbrauch senken, Lasten in günstige Tarifzeiten verschieben, selbst produzieren, den Eigenverbrauch erhöhen und sich zu einer Elektrizitätsgemeinschaft zusammenschliessen. Nur der letzte senkt auch den Netznutzungstarif selbst, den am stärksten steigenden Teil der Rechnung. Wichtig ist die Grenze: Grundpreis und Messtarif fallen unabhängig vom Verbrauch an und lassen sich mit keiner Massnahme wegsparen.
Warum die Preise steigen
Die übliche Erzählung lautet, Strom werde teurer, weil die Energie teurer werde. Das stimmt seit 2024 nicht mehr. Die Beschaffungspreise sind nach der Krise von 2022 und 2023 deutlich gefallen, und die Energieversorger geben das weiter. Teurer wird ein anderer Teil der Rechnung.
Die Netzkosten steigen, und dafür gibt es drei Gründe, die alle zusammen wirken. Erstens wird das Schweizer Netz zu einem Smart Grid umgebaut, was hohe Investitionen bindet. Zweitens fallen Betriebs- und Nachverrechnungskosten aus früheren Tarifjahren an. Drittens, und das ist der interessante Punkt, sinkt die Strommenge im Netz, weil immer mehr Haushalte ihren Solarstrom selbst verbrauchen. Die ElCom bestätigt das für 2027 in Zahlen: Der Energietarif fällt landesweit im Median um rund 6 Prozent, die Netznutzung steigt trotzdem um rund 2 Prozent.
Die Netzkosten sind aber grossenteils fix. Leitungen, Transformatoren und Unterhalt kosten gleich viel, ob viel oder wenig Strom hindurchfliesst. Verteilt man dieselben Fixkosten auf weniger Kilowattstunden, steigt der Preis je Kilowattstunde. Genau das schreiben die Versorger inzwischen offen in ihre Tarifmitteilungen, und es erklärt, warum 2027 zwar der Schweizer Medianpreis um 4 Prozent sinkt, gleichzeitig aber über 260 Gemeinden ihre Tarife erhöhen.
Daraus folgt eine unbequeme Mechanik: Je mehr Haushalte sich mit einer eigenen Anlage vom Netz unabhängig machen, desto teurer wird die Kilowattstunde für alle, die es nicht tun. Individuell ist eine Solaranlage deshalb ein Schutz. Kollektiv verstärkt sie das Problem, gegen das sie schützt. Wer diesen Zusammenhang kennt, versteht auch, warum sich das Tempo der Erhöhungen kaum umkehren wird.
Was Sie nicht tun können
Bevor es um Massnahmen geht, drei Dinge, die in Ratgebern regelmässig auftauchen und in der Schweiz schlicht nicht funktionieren.
| Idee | Warum es nicht funktioniert |
|---|---|
| Den Anbieter wechseln | Der freie Strommarkt gilt erst ab 100'000 kWh Jahresverbrauch. Haushalte bleiben in der Grundversorgung ihres lokalen Netzbetreibers. |
| Den Preis verhandeln | Die Tarife der Grundversorgung werden reguliert und von der ElCom überprüft. Sie gelten für alle Kundinnen und Kunden derselben Gruppe gleich. |
| Einen Fixpreis über Jahre sichern | Die Tarife werden jährlich neu festgelegt und jeweils bis Ende August für das Folgejahr publiziert. Eine mehrjährige Bindung gibt es nicht. |
Bleibt also nur die Menge, der Zeitpunkt und die Herkunft des Stroms. Alle drei liegen tatsächlich in Ihrer Hand, und genau darum geht es im nächsten Teil.
Die drei Teile Ihrer Rechnung bewegen sich gegenläufig
Die Veränderungen von 2026 auf 2027, Schweizer Median laut ElCom, Verbrauchskategorie H4. In Ihrer Gemeinde können die Zahlen anders ausfallen, insbesondere bei der Netznutzung, die Richtung von Energie und Abgaben ist aber landesweit ähnlich.
Von 12.11 auf 11.35 Rappen. Der Teil, der während der Krise explodiert ist, wird das dritte Jahr in Folge billiger und macht heute weniger als die Hälfte der Rechnung aus.
Von 10.73 auf 10.94 Rappen. Der einzige strukturell steigende Block. Netzausbau, Nachverrechnungen und sinkende Strommengen wirken in dieselbe Richtung, und in über 260 Gemeinden überwiegt er die Energiesenkung.
Auf CHF 78.48 im Jahr. Seit 2026 gesetzlich separat ausgewiesen und im zweiten Jahr bereits wieder teurer. Er fällt unabhängig davon an, wie viel Sie beziehen, und lässt sich mit keiner Massnahme wegsparen.
Wer sich schützen will, muss also nicht beim Strompreis ansetzen, sondern beim Netzanteil. Und dort hilft nur eines wirklich: weniger Kilowattstunden durch diesen Zähler zu schicken. Alles andere ist Feinjustierung.
Nicht der Strom wird teurer. Die Leitung wird es.
Fünf Hebel, nach Wirkung geordnet
Bewusst in dieser Reihenfolge. Die ersten beiden kosten kein Geld, der dritte und vierte kosten eine Investition, der fünfte kostet vor allem Abstimmung mit den Nachbarn.
Verbrauch senken, Kosten null
Lasten verschieben
Selbst produzieren
Eigenverbrauch erhöhen
Sich zusammenschliessen
Auffällig ist, dass nur der fünfte Hebel den Netznutzungstarif selbst senkt. Alle anderen reduzieren die Menge, auf die dieser Tarif angewendet wird. Das ist ein Unterschied, der in den nächsten Jahren wichtiger wird, je stärker sich das Gewicht der Rechnung von der Energie zum Netz verschiebt.
Und die Grenze, die kein Verkaufsgespräch nennt: Grundpreis und Messtarif fallen an, auch wenn Sie null Kilowattstunden beziehen. Wer eine Anlage mit dem Versprechen der völligen Unabhängigkeit verkauft, verschweigt diesen Sockel. Realistisch ist, den variablen Teil der Rechnung stark zu senken und den fixen zu akzeptieren. Das ist immer noch viel, aber es ist nicht null.
Häufige Fragen zu steigenden Strompreisen
Kann ich in der Schweiz den Stromanbieter wechseln?
Als Haushalt nein. Der freie Strommarkt steht in der Schweiz nur Endverbrauchern mit mehr als 100'000 Kilowattstunden Jahresverbrauch offen. Alle anderen bleiben in der Grundversorgung ihres lokalen Netzbetreibers, dessen Tarife reguliert und von der ElCom überprüft werden.
Warum steigen die Strompreise, wenn die Energie billiger wird?
Weil sich die Rechnung verschiebt. Der Energieanteil sinkt seit dem Ende der Krise deutlich, 2027 laut ElCom im Median um rund 6 Prozent. Die Netznutzung steigt trotzdem, um rund 2 Prozent. Gründe sind der Umbau des Netzes zu einem Smart Grid, Nachverrechnungen aus früheren Tarifjahren und die sinkende Strommenge im Netz, weil mehr Haushalte Solarstrom selbst verbrauchen. Die Netzfixkosten verteilen sich dadurch auf weniger Kilowattstunden. Deshalb sinkt 2027 zwar der Schweizer Medianpreis um 4 Prozent, doch über 260 Gemeinden erhöhen trotzdem.
Was hilft am schnellsten gegen hohe Stromkosten?
Verbrauch senken, denn das kostet nichts und wirkt sofort. Alte Umwälzpumpen, ein Zweitkühlschrank, eine zu hohe Boilertemperatur und Dauerverbraucher im Standby machen zusammen mehrere hundert Kilowattstunden im Jahr aus. Erst danach lohnt sich das Gespräch über Investitionen.
Schützt eine Solaranlage vor Preiserhöhungen?
Teilweise, und wirksamer als jede Tarifoptimierung. Jede selbst erzeugte und selbst verbrauchte Kilowattstunde ersetzt den vollen Bezugspreis inklusive Netznutzung und Abgaben. Nicht geschützt sind Sie beim Grundpreis und beim Messtarif, die unabhängig vom Verbrauch anfallen.
Was ist eine lokale Elektrizitätsgemeinschaft?
Seit 2026 dürfen sich Haushalte in räumlicher Nähe zusammenschliessen und lokal erzeugten Strom untereinander nutzen, auch über Grundstücksgrenzen hinweg. Wird der Strom innerhalb der Gemeinschaft verbraucht, sinkt der Netznutzungstarif, bei einzelnen Werken um bis zu 40 Prozent. Es ist der einzige Hebel, der den Netzpreis selbst senkt.
Was bringt ein dynamischer Stromtarif?
Bei dynamischen Netznutzungstarifen ändert sich der Preis stündlich nach erwarteter Netzbelastung. Wer grössere Lasten automatisch in günstige Stunden verschiebt, spart einen Teil der Netzkosten. Voraussetzung ist ein Energiemanagementsystem und ein Haushalt mit verschiebbaren Verbräuchen wie Wärmepumpe oder Elektroauto. Ohne diese Voraussetzungen bringt der Tarif wenig.
Kann ich einen Fixpreis über mehrere Jahre vereinbaren?
In der Grundversorgung nicht. Die Tarife werden jährlich neu festgelegt und müssen jeweils bis Ende August für das Folgejahr publiziert werden. Planungssicherheit entsteht deshalb nicht über den Vertrag, sondern über die Menge Strom, die Sie überhaupt beziehen müssen.
Werden die Strompreise weiter steigen?
Niemand kann das seriös versprechen oder ausschliessen. Die Energiekomponente hängt an den Marktpreisen und kann in beide Richtungen gehen. Der Netzanteil dagegen steht unter strukturellem Druck nach oben, solange in die Infrastruktur investiert wird und gleichzeitig die durchs Netz fliessende Strommenge sinkt.
Welcher Hebel wirkt bei Ihnen am stärksten?
Schicken Sie uns Ihre Stromrechnung. Wir sagen Ihnen, wie viel Ihres Betrags auf Energie, Netz und Abgaben entfällt, welche Massnahme in Ihrem Fall am meisten bringt und ab wann sich eine Anlage lohnt. Kostenlos und unverbindlich, auch wenn die Antwort am Ende lautet, dass Sie zuerst günstigere Dinge tun sollten.
Thomas von Arx
Berater Energielösungen, Soltastic Basel GmbH
Aktualisiert am 18. September 2026. Die Angaben zum Schweizer Medianpreis 2027, zur Entwicklung von Energie- und Netzkosten sowie zur Zahl der Gemeinden mit steigenden Tarifen stammen aus der Publikation Leicht sinkende Strompreise 2027 der Eidgenössischen Elektrizitätskommission ElCom vom 8. September 2026, Verbrauchskategorie H4. Die Prozentwerte im Kapitel zu den drei Teilen der Rechnung beziehen sich auf denselben Medianhaushalt, nicht auf einen einzelnen Versorger; in Ihrer Gemeinde können einzelne Positionen davon abweichen, insbesondere die Netznutzung. Die rechtliche Grundlage zu Elektrizitätsgemeinschaften und zum Netzumbau ist das Stromgesetz, angenommen in der Volksabstimmung vom Juni 2024. Angaben zu lokalen Elektrizitätsgemeinschaften und dynamischen Netznutzungstarifen hängen vom jeweiligen Netzbetreiber ab. Eigenverbrauchsquoten sind Richtwerte und ersetzen keine Planung am konkreten Objekt.